Geschichte

 

Der Kulturverein Wilhelmsdorf e.V.

 

 

wurde im August 1983 gegründet und
gehört damit zu den Veteranen der oberschwäbischen Kulturinitiativen. So blieb es nicht
aus, dass die Satzung des Kulturvereins ein begehrtes Papier wurde, das viele jüngere
Initiativen gründlich studiert haben.Der Kulturverein ist aus einer noch
älteren Institution entstanden, nämlich aus der Theatergruppe Wilhelmsdorf. Diese
begann ihre Arbeit 1977 und erarbeitete jedes Jahr ein Theaterstück der
Weltliteratur, das 1977 in der Turnhalle des Gymnasiums und in den folgenden Jahren im
Gemeindehaus der Evangelischen Brüdergemeinde Wilhelmsdorf gespielt wurde. Diese Gruppe
war auf der Suche nach einem eigenen Proben- und Aufführungsdomizil; bei dieser
Suche stieß sie auf ein Bauernhaus an der Zußdorfer Straße mit großer Scheune und
darunter liegendem Stall
– man sah gleich, dass hieraus ein wunderbares Theater mit
den notwendigen Nebenräumen entstehen könnte! Man sah aber auch, dass die notwendigen
Investitionen beträchtlich sein würden: 460.000 DM wurden es letztendlich. Diese
Summe war natürlich viel zu hoch, um dann 10-15-mal im Jahr ein Theaterstück zu
spielen! So kam die Gruppe auf den – damals kühnen – Gedanken, alle kulturellen
Sparten
in dieser Scheune zu beheimaten: neben dem Theater Musik jeder
Stilrichtung, Film, Kleinkunst, die bildenden Künste und natürlich ein
spezielles Kinderprogramm. Das war natürlich mit Eigenproduktionen nicht zu
schaffen: der neue Kulturverein sollte ein Veranstalter sein, der Gastkünstler
nach Wilhelmsdorf einlädt.

Mit diesem Konzept, einem Grundriss der
Scheune und einem ersten Entwurf für ihren Ausbau lud die Gruppe zur Gründungsversammlung
des Kulturvereins
ein – 25 Personen gründeten den Verein und verabschiedeten den
vorgelegten Satzungsentwurf. Die Gründung eines Kulturvereins – so befürchteten die
Gründungsmitglieder – würde zunächst auf Desinteresse bzw. Skepsis treffen, denn es gab
ja in der weiteren Umgebung keinerlei Vorbilder! Es musste also möglichst schnell gezeigt
werden, was ein solcher Verein leisten und den Wilhelmsdorfer Bürgerinnen und
Bürgern bieten kann. So nahm der Verein seine Arbeit zunächst ohne eigenes Domizil
auf und präsentierte sein Programm in der Hauptschulturnhalle, der Aula des
Bildungszentrums, dem Sitzungssaal der Raiffeisenbank und dem Betsaal der Brüdergemeinde.

Schnell war klar, dass diese Art der Arbeit
in verschiedenen fremden Räumen nur eine Notlösung
sein konnte: einen Raum
frühestens um 17 Uhr betreten zu können, bis 20 Uhr zur Veranstaltung herrichten zu
müssen, um nach der Veranstaltung bis spät in die Nacht den Raum wieder in den Urzustand
zu versetzen – das muss den verbissensten Kulturarbeiter über kurz oder lang in die
Knie zwingen. Kulturarbeit in Wilhelmsdorf ohne die Scheune wäre also nur
für kurze Zeit
möglich gewesen. Also musste ein Konzept für den Ausbau der Scheune
und dessen Finanzierung her. Der damalige Wilhelmsdorfer Bürgermeister Schick gab den
entscheidenden Hinweis: das Land fördert den Aus- oder Umbau von Amateurtheatern mit
einem Zuschuss bis zu einem Drittel der Kosten, wenn die Gemeinde ebenfalls ein Drittel
der Kosten übernimmt. Der Verein muss das restliche Drittel selbst finanzieren. Es war
klar, dass ein Zuschuss in Höhe von gut 150.000 DM von der Gemeinde nie und nimmer zu
erwarten war, wenn nicht die Tragfähigkeit des Konzepts nachgewiesen war. Der Verein
arbeitete – schön und gut. Aber die Scheune „arbeitete“ noch nicht. Es galt
also nachzuweisen, dass die Scheune als Theater, Opernhaus, Konzertsaal

und Ausstellungsraum große Qualitäten hat. Mit dem Ersparten der Theatergruppe
und einem Kredit wurde die Scheune notdürftigst bespielbar gemacht: ein elektrischer
Anschluss wurde gelegt, eine einfache Beleuchtung installiert, Toiletten in den Stall
eingebaut, die Bühne aus der alten Turnhalle des Gymnasiums eingebaut – und bereits im
Sommer 1984 wurde die neue Produktion der Theatergruppe in der Scheune
gespielt. So gelang es, die Scheune als „Ort der Kulturarbeit“ zu
präsentieren und die Vision, die das Leitungsteam des Kulturvereins von der Scheune und
der künftigen Vereinsarbeit hatte, dem Publikum vorzustellen.

Mit dem Hinweis auf die Leistungen und
damit die Leistungsfähigkeit des Vereins und die Tauglichkeit der Scheune für kulturelle
Veranstaltungen wurden dann bei der Gemeinde und beim Land jeweils 150.000
DM Zuschuss beantragt
. Nach viel Mühen, Hoffen und Bangen wurden beide Zuschüsse
gewährt
und die Ausbauarbeit begann – mit viel Eigenleistungen (damit wurde ein
großer Teil des Vereinsanteils an der Finanzierung abgegolten) und unterbrochen immer
wieder von Veranstaltungen, zunächst – wegen der fehlenden Wärmeisolierung und
Heizung – nur im Hochsommer. Das war für das Bauamt des Landratsamtes natürlich
eine völlig ungewöhnliche Sache: öffentliche Veranstaltungen auf einer Baustelle!

Doch neben den vielen Auseinandersetzungen mit dem Bauamt blieb überraschenderweise noch
Zeit, des Ausbau der Scheune voranzutreiben – und 1989 wurde die Scheune offiziell
eingeweiht.

Seitdem verfügt der Kulturverein Wilhelmsdorf (unseres Wissens) als einzige Kulturinitiative in Oberschwaben über ein eigenes
Theater
mit Saal, Künstlergarderobe, Gästegarderobe, bewirtschaftetem Foyer und
einer hervorragenden technischen Einrichtung. Die Theatergruppe Wilhelmsdorf, Keimzelle
des Kulturvereins, hat sich in „Theater in der Scheune“ umbenannt und
trägt mit ihren Gewinnen maßgeblich zum finanziellen Überleben des Kulturvereins bei.

Inzwischen hat der Kulturverein 137
Mitglieder
; bei 80 davon handelt es sich um Familien. Zählt man alle
Personen, die die Mitgliedschaft im Kulturverein haben, kommt man auf 333.

In den letzten Jahren hat der Kulturverein
70 – 90 Veranstaltungen pro Jahr durchgeführt, ca. 20 davon wurden vom „Theater
in der Scheune“
bestritten. Der Jahresumsatz beträgt 60.000 – 90.000 DM.
Den größten Teil der Ausgaben machen die Gagen für die engagierten Gastgruppen aus,
aber auch die Unkosten für das eigene Haus schlagen kräftig zu Buche.

Das organisierte Programm ist nicht
kostendeckend
. Das heißt: die Gastgruppen kosten insgesamt mehr, als an
Eintrittsgeldern eingenommen wird. Das Defizit wird gedeckt durch die Gewinne des „Theaters
in der Scheune“
und einen Zuschuss der Gemeinde Wilhelmsdorf, der
ab 1998 wieder in Höhe von 5.000 DM vom Gemeinderat bewilligt wurde. Und immer wieder
gelingt es dem Kulturverein, Spender zu finden, die die Arbeit des Vereins, oft
auch spezielle Projekte finanziell unterstützen. Da der Kulturverein als gemeinnützig
anerkannt ist, können Spenden an den Verein von der Steuer abgesetzt werden.

Der Kulturverein erhält jährlich
einen Landeszuschuss für Anschaffungen, dessen Höhe von den
„Komplementärmitteln“ (Spenden an den Verein aus dem Vorjahr, Zuschuss
der
Gemeinde) abhängt. Diese Zuschüsse wurden und werden eingesetzt, um die Qualität
des Angebotes zu verbessern und die Arbeit zu erleichtern und zu vereinfachen.
Die Zuschüsse ermöglichten eine hervorragende Beleuchtungsanlage, eine
gute Tonanlage, eine ausgezeichnete Videoanlage mit Kamera und
Großbildprojektor, eine spezielle Ausstellungsbeleuchtung, Stellwände für
Ausstellungen, einen eigenen Kopierer, um nur die wichtigsten Anschaffungen zu nennen.

So bemüht sich der Kulturverein, fit
zu bleiben und im Konkurrenzkampf der Anbieter mit einem überzeugenden
Programm zu bestehen – denn die Zahl der Anbieter ist seit 1983 enorm gewachsen –
denkt man nur an die vielen privaten Fernsehprogramme. „Ist der Konsument der
‚daily soap‘ eigentlich noch für Theater, Kabarett, Konzert zu begeistern? Kommt, wer im
Fernsehen die „drei Tenöre“ hat röhren hören, noch zu einem Lieder- oder
Folkabend in die Scheune? Und wie kann man ihn dazu bringen? Das sind die zentralen
Fragen
, vor denen der Verein steht und die ihn in der Zukunft verstärkt beschäftigen
müssen. Doch auch die Zahl der „direkten Konkurrenten“ ist stark gewachsen. Das
Gründen von Kulturinitiativen ist in, das zeigt ein Blick in den Veranstaltungskalender.
Doch Konkurrenz belebt das Geschäft, alle gemeinsam haben wir vielleicht die Chance, die
Fernsehgesellschaft auch für unsere Live-Kultur zu gewinnen.

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